Der natürliche Bezug zu ihrem Geschlechtsteil war bei Buben schon immer selbstverständlich. Jetzt wird er auch den Mädchen vermittelt.

Wie gefällt Ihnen Ihre Vagina? Was wie gefällt Ihnen Ihre Vagina? Was schauen Sie denn so entgeistert? Hätte ich Sie gefragt, wie Ihnen Ihr Po oder Ihre Augen gefallen, dann hätten Sie mir sicher einen Monolog gehalten. Wann haben Sie sich denn zum letzten Mal in den Spiegel geschaut? Nein, ich meine – von unten? Keine Sorge, Sie sind nicht die einzige, die diesen magischen Ort vernachlässigt. 80 Prozent aller Frauen haben schon sehr lange nicht mehr oder überhaupt noch nie einen Blick auf ihre Vagina geworfen. Wenn man darüber nachdenkt, ist es schon ein wenig merkwürdig, dass der Partner diesen Körperteil meist besser kennt als man selbst. Ich weiß, dass Sie sich anatomisch bestens auskennen. Sie wissen, wo die Klitoris ist, wo sich der Venushügel befindet – und Ihren G-Punkt finden Sie garantiert auch ganz ohne Navi.
In den vergangenen paar Jahren hat sich „vaginal“ viel verändert. Der Körperteil, der früher mit „da unten“ oder „das Loch zwischen den Beinen“ bezeichnet wurde, wird heutzutage meist ohne Scheu benannt. Schon im Kindergarten lernen die Kleinen, dass sie eine Vagina oder Scheide haben. Gut so, schließlich haben sie ja auch Arme und Beine. Was bei Buben schon immer selbstverständlich war, nämlich, dass sie einen natürlichen Bezug zu ihrem Geschlechtsteil haben, wird jetzt auch den Mädchen vermittelt. Auch wenn wir wahrscheinlich nie die Dimension erreichen werden, die ein Penis im Leben eines Mannes spielt: Fragt man ihn, wie ihm sein Penis gefällt, bekommt man meist sehr rasch eine Antwort, oft auch mit diversen Zahlenangaben zu Länge und Dicke versehen. Ich kenne keine Frau, inklusive meiner Person, die auch nur eine ungefähre Ahnung hat, wie groß oder lang ihre Vagina ist. Da wir Frauen uns aber auch nicht über Größen definieren, ist das nicht notwendig. Viel wichtiger ist, dass Frau weiß, wo es weicher oder härter, wo es rauh oder glitschig ist.

Klitoral & Vaginal

Frauen haben ja das große Glück, zwei verschiedene Orgasmen spüren zu können: den klitoralen und den vaginalen. Tatsache ist aber, dass nur etwa 25 Prozent aller Frauen beim Geschlechtsverkehr zum (meist vaginalen) Orgasmus kommen. Daher bevorzugen Frauen beim oder nach dem Akt die Stimulation der Klitoris, da sie so um einiges leichter ihren Höhepunkt (den klitoralen nämlich) erreichen. Umfragen haben ergeben, dass für Frauen die beliebteste Stellung beim Sex die ist, wo sie oben sind. Gerade bei dieser Stellung dringt der Penis tief in die Frau ein und kann so den G-Punkt besonders intensiv massieren.

Brazilian Waxing

Dass die Vagina aber immer mehr in den Mittelpunkt gerückt wird, zeigen auch die vielen Waxing-Studios, die derzeit überall aus dem Boden sprießen. „Brazilian Waxing“ ist in. Um haarlos schön zu sein, nimmt frau eine überaus intime, ja, sogar auch ziemlich peinliche – ich sage nur: Hundestellung – Tortur (von den Schmerzen wollen wir gar nicht reden) auf sich, die sie alle paar Wochen wie­derholen muss, wenn sie nicht gerade auf Mecki-Style steht. Waxing gehört zum guten Ton. Eine Freundin von mir spricht sogar schon von ihrer Waxing-Sucht. Doch das alles ist ja noch vertretbar.

Schamlippenkorrektur – echt jetzt?

Bedenklicher wird es dann, wenn man sich den neuesten Trend ansieht, der aus den USA langsam aber deutlich zu uns herüberschwappt: Schamlippenkorrektur. Ja, Sie haben richtig gelesen. Lippen (im Gesicht) aufzuspritzen ist ja sowas von out. Wer in sein will, muss jetzt unten wie Daisy Duck aussehen. (Wobei ich gar nicht weiß, ob Comic-Figuren Geschlechtsteile haben …) Aber wozu lässt man sich die Schamlippen korrigieren? Nur ein verschwindender Pro­zentsatz aller Korrekturen hat eine medizinische Ursache. Alle anderen sind reine Schönheitsoperationen – wobei das Wort „Schönheit“ hier sehr eigenartig anmutet und wir uns eigentlich wieder am Beginn des Artikels befinden: Gefällt Ihnen Ihre Vagina? Ist sie schön? Die meisten Schamlippenoperationen sind Verkleinerungen. Warum – um niedlicher auszusehen? Also, ich würde mir ja dann lieber meinen Allerwertesten verkleinern lassen, wobei hoffentlich mein Vorsatz, ein bisschen mehr (oder überhaupt einmal) laufen zu gehen), dies auch bald erreichen sollte. Warten wir einmal ab, ob die Österreicherinnen die gleiche Notwendigkeit wie die Ame­rikanerinnen sehen, sich ihre Vagina verkleinern oder vergrößern oder die Schamlippen bleachen zu lassen. Ich für meinen Teil bin mit meinem Gesamtkunstwerk völlig zufrieden – und ich hoffe, Sie mit Ihrem auch.

Tanja Guserl