Betreten der Baustelle erwünscht. Tel Aviv boomt sich an die Spitze der begehrtesten Städtereisen im Mittelmeerraum – denn trotz oder wegen der vielen Neubauten, feiert die dynamische Stadt am Mittelmeer fast das ganze Jahr über Party.

Der Herbert ist schuld daran, dass wir eine Tel-Aviv-Reisegeschichte fürs COVER recherchiert haben. Herbert ist ein Gourmet – nicht nur privat, sondern auch beruflich, denn der Herbert ist Chefredakteur der besten aller Gourmetzeit- schriften, dem Falstaff-Magazin. Der Herbert kommt viel herum in der Welt und kennt sich ziemlich gut aus bei Restaurants und kann eine Menge verdrücken, wenn es gut zubereitet ist. Und da der Herbert vor einem Jahr in Tel Aviv war und seither von dieser Stadt schwärmt, haben wir beschlossen, der Sache auf den Grund zu gehen. Was die gehobene Gastronomie (auch Fine Dining genannt) betrifft, muss ich Herbert widersprechen – für den Michelin Guide reicht es in Tel Aviv leider nicht – die Sterne sieht man hier nur nachts – am besten vom Strand aus. Allerdings müssen wir Johannes Mario Simmel recht geben: Es muss nicht immer Kaviar sein, schon gar nicht am Mittelmeer und überhaupt nicht in Tel Aviv. Hier herrscht die Leichtigkeit des Seins.

„Alles in der Welt kann dem Menschen genommen werden,
nur das eine nicht: was er gegessen hat.“
Ephraim Kishon

Gegessen wird, was auf den Tisch kommt, meist sind das frische Produkte aus dem Meer. Zu unserem Befremden wird in vielen Lokalen aber auch Lachs angeboten, der sicher eine lange Reise nach Tel Aviv hatte, das muss der Herbert übersehen haben. Die Dynamik, die dieser jungen Stadt innewohnt, überträgt sich natürlich auf die vielen Restaurants, Imbissstuben, Nachtclubs und so weiter. Es scheint, als ob es kein Morgen gäbe – bestimmt hat auch die permanente Bedrohung durch Attentate ihren Anteil daran, dass die Metropole scheinbar ständig in Feierlaune ist. Dabei ist das gefährlichste in Tel Aviv der Verkehr – diesem scheint das auserwählte Volk nicht gewachsen zu sein, und damit meinen wir nicht nur den Autoverkehr, sonder vor allem die Zweirad-Zunft. Neunzig von hundert Fahrrädern haben hier einen Elektroantrieb, und damit brettern die Israelis, unbeeindruckt von Fußgängern und internationalen Verkehrsregeln ohne Rücksicht durch die Stadt, durch Fußgängerzonen, auf Gehsteigen und Zebrastreifen etc. Es scheint, dass Fußgeher in Tel Aviv nicht sonderlich beliebt sind. Doch zurück zum Nachtleben. Dieses geht so weit, dass es einen Nightlife Service für Touristen gibt: Ido Weil, ein junger Israeli, in Tel Aviv geboren und aufgewachsen, gründete 2011 sein Unternehmen TLVNights. Ido begleitet Sie – sobald es dämmert – durch Tel Aviv und stellt sicher, dass Sie das dynamische und brodelnde Nachtleben jener Stadt hautnah erleben, in der David Ben-Gurion 1948 die Israelische Unabhängigkeitserklärung ausrief. Dabei ist es egal, ob Sie nun eine elegante Cocktailbar, einen Jazzclub oder eine Disco besuchen wollen. Zurück zur Kulinarik, die ja der eigentliche Grund unserer Tel-Aviv-Reise ist: Abgesehen von den wenigen wahren Fine Dining-Restaurants tobt in Tel Aviv ein Kampf um den bes- ten Hummus – ähnlich wie in Wien um das beste Schnitzel bzw. in München um die beste Weißwurst. Würde man Hummus verbieten, bräche in Tel Aviv eine große Hungerkatastrophe aus. Egal ob im koscheren Luxusrestaurant Herbert Samuel im Ritz-Carlton-Hotel im Stadtteil Herzliya oder beim Fischessen im The Old Man and the Sea in Jaffa, wo die Mezze (Israelische Vorspeisen) so umfangreich sind, dass Sie auf gar keinen Fall noch etwas Anderes bestellen sollten.

Das mit Abstand beste Essen in Tel Aviv bekamen wir im Restaurant Topolopompo, wo Chef Avi Conforti asiatische Fusionsküche so schmackhaft und perfekt wie die in Londons ZUMA zubereitet, das dort seit Jahren der Hot- spot für asiatische Fusionsküche ist. Für weitere Gaumenfreuden sorgt auch die Küche im Restaurant Messa, der erst vor zwei Jahren eröffnet wurde. Laut Eigendefinition dominiert das Lokal ein „New-York-Style- Restaurant“ mit beeindruckend weißem Interieur und einer schwarzer Bar. Es sieht tatsächlich nicht schlecht aus, doch das hatten wir ja schon in den 1980er-Jahren. Heute erinnert der protzige Tisch eher an eine russische Luxus-Absteige. Aber das Essen von Chef Aviv Moshe war hervorragend und tröstete über das kühle Design hinweg. Natürlich hat Aviv Moshe von seiner Mutter das Kochen gelernt. Im Social Club hingegen geht es alles andere als kühl zu – hier herrscht Feierlaune bis sich die Balken biegen. Zu essen gibt es Hummus und Lachs (nicht schon wieder) und allerlei vom Grill, deftig gewürzt. Je später die Stunde, desto mehr wandelt sich das Restaurant in eine Bar mit entsprechend lauter Musik und Rahmenprogramm. Anders im Restaurant Kimmel, wo es gewollt rustikal zugeht und herzhaft gewürzt wird. Die Atmosphäre ist gemütlich und erinnert an einen Stadtheurigen in Wien.

Aber in Tel Aviv müssen Sie nicht unbedingt in ein Restaurant gehen, um gut zu essen: Auf jedem Markt und in vielen der zahlreichen Imbissstuben wird großartiges Futter geboten. Bestes Beispiel dafür ist der Carmel Markt, der zugleich der größte Markt von Tel Aviv ist. Hier sehen Sie das echte Tel Aviv – an diesem Ort ist die Stadt nicht von anderen Städten des Nahen Ostens zu unterscheiden. Friedlich leben und arbeiten hier Juden und Araber nebeneinander – auch das ist Tel Aviv. Um zu den farben- und duftreichen Lebensmitteln zu gelangen, muss man sich erstmal zwischen Kleidungs- und Schuhständen durcharbeiten, vorbei an dem einen oder anderen Blumenstand. Neben den traditionellen Obst- und Gemüseständen mit gewohnt großer Auswahl, haben sich auf dem Carmel Markt Dutzende von Imbissen, kleinen Lokalen und Cafés etabliert. Falafel- und Shawarmastände sind nicht zu übersehen, legendär ist (wer hätte das gedacht) das Humus – eins der besten Hummusimbisse in ganz Israel – da sieh mal einer an. Das absolute Highlight am Carmel Markt sind aber die drei Drusen-Schwestern, die unermüdlich Wraps backen. Wie bei Robotern läuft die Kettenreaktion ab, jeder Handgriff sitzt perfekt und das Ergebnis kann sich schmecken lassen. Die Drusen sind eine Religionsgemeinschaft im Nahen Osten, die im 11. Jahrhundert in Ägypten entstand. Angehörige der Gemeinschaft leben heute vor allem in Syrien, im Libanon und in Israel.Wer viel reist und auch arabsche Länder besucht hat, kommt nicht umhin festzustellen, dass sich die Märkte im Nahen Osten gleichen – egal ob in einem arabischen oder jüdischen Land: alle lieben Hummus, Oliven und Gewürze etc. Wieso vertragen die sich nicht auch außerhalb der Welt der Rezepte? Wettkochen wäre eine mögliche Lösung für eines der Probleme dieser Erde!

Die Weiße Stadt – Eine Ansammlung von über 4.000 Gebäuden, die überwiegend im Bauhaus-Stil errichtet wurden. Die Architekten dieser Gebäude waren zum größten Teil deutschstämmige Juden, die nach der „Machtergreifung“ der Nationalsozialisten im Jahr 1933 aus Deutschland ausgewandert waren. Seit 2003 gehört die Weiße Stadt von Tel Aviv zum Unesco-Welterbe. Viele dieser Gebäude sind restauriert – noch mehr fristen ein unwürdiges Dasein. Es gibt jedoch ein Gesetz, das bei Neubauten die Bauherren verpflichtet, ein benachbartes Bauhaus-Gebäude zu restaurieren. Die Hoffnung stirbt zuletzt! In Tel Aviv wird oft ohne Rücksicht und Ästhetik gebaut, was auf andere Städte auch zutrifft. Besonders hässlich sind die Hotel-Betonblöcke entlang der Strandpromenade – Grüße aus Rio.
Neve Tzedek – Der aufwendig restaurierte alte Stadtteil im Süden Tel Avivs mit engen Gassen, kleinen Häuschen und winzigen Läden und Galerien erinnert an Südfrankreich und lässt fast vergessen, dass man sich in einer Großstadt befindet. Sowohl der Strand als auch Jaffa und Florentin liegen nur wenige Schritte entfernt.
Jaffa – Der Hafen von Jaffa ist einer der ältesten der Welt und die Stadt ist bei Künstlern und Studenten besonders beliebt. Besucher können hier durch die alten Gassen schlendern und auf dem Flohmarkt Raritäten aus allen Teilen der Welt entdecken. Ein Besuch des Ilana Goor Museums ist empfehlenswert.
Florentin – Florentin ist der zurzeit „hippste“ Stadtteil Tel Avivs. Dieses Viertel, das oft mit dem New Yorker Soho verglichen wird, ist nicht zu übersehen: Aus alten Industriegebäuden wurden Wohnkomplexe mit Lofts, kleine Designer-Boutiquen ersetzten alte Einkaufsläden. Florentin ist bekannt für sein Nachtleben.
Tel Aviv Port – Der Hafen Tel Avivs liegt im Norden der Stadt. Heute wird hier keine Fracht mehr abge- fertigt, sondern nur noch gefeiert. Entlang der Promenade reiht sich ein Restaurant ans andere, und besonders nachts füllen sich die Clubs mit jungem Publikum.

2The Ritz-Carlton Herzliya

In Herzliya wird gerade Tel Avivs neues Freizeitzareal entwickelt – angrenzend an Israels „Silicon Valley“ und einer exklusiven Wohngegend. Das Ritz-Carlton wurde 2014 eröffnet und liegt oberhalb des Jachthafens. Zeitgenössische Interieurs verbinden sich mit dem atemberaubenden Meerblick. Der gefeierte israelische Küchenchef Yonathan Roshfeld hat hier das koschere Restaurant Samuel Herbert gegründet. Roshfeld bringt zum ersten Mal sein Talent in die koschere Küche ein und serviert im Ritz-Carlton einheimische Produkte für ein unvergessliches kulinarisches Erlebnis. Wir durften feststellen, dass es keinen Unterschied zwischen koscherem und unkoscherem Essen gibt. Der Genuss stand eindeutig im Vordergrund, obwohl die Religion vorschreibt, „die Freude am Essen und Trinken zu unterdrücken“.Wer nicht gern im lauten Zentrum Tel Avivs wohnen möchte, ist im Ritz- Carlton bestens aufgehoben. Auf dem Dach des Hotels befindet sich der Pool, der von einer 360-Grad-Aussicht auf die Mittelmeerküste und die Sandstrände von Herzliya umgeben ist. Das Spa bietet eine breite Palette an Schönheits- und Körpertherapien sowie alle klassischen Verwöhnprogramme.
Von COVER 2016 getestet
www.ritzcarlton.com

1The Norman

Das wohl schönste und ästhetischste Hotel Tel Avivs ist The Norman, ein Mitglied der Small Luxury Hotels – mitten im Zentrum der Stadt. Nur ein paar Schritte vom Rothschild Boulevard entfernt trotzt dieses Boutiquehotel mit seiner Art-Deco-Fassade der pulsierenden Metropole als Oase der Ruhe. Hier können Sie entspannen, einen Cocktail trinken, gut essen und natürlich stilgerecht wohnen. The Norman ist keine Adresse für das Partyvolk, das in Tel Aviv gestrandet ist. Wer hierher kommt, schätzt die Ästhetik der Weißen Stadt mit ihren Cafés und puristisch designten Restaurants. Tel Aviv zieht Wochenendausflügler aus ganz Europa an. Zu ihnen zählt auch der Londoner Geschäftsmann Jonathan Lourie, dem The Norman gehört. Er wollte ein Haus in Tel Aviv und hat seine Herkunft darin ver- ewigt: Sein Vater Norman ist Namenspatron des Hotels und einer jener Juden, die Israel mit aufgebaut haben. Fotos in der Bar zeigen den Südafrikaner als Filmemacher und Mitbegrün- der der zionistischen Jugendbewegung. In den fünf Jahren seines Bestehens hat sich The Norman einen Ruf als eines der führenden Luxus-Boutique-Hotels in Tel Aviv erworben. Darüber hinaus haben die beiden erstklassigen Restaurants (ein japanisches und eine Brasserie) seit der Eröffnung des Hotels treue Stammgäste angezogen. Wie es sich für ein modernes Stadthotel gehört, gibt es im 5-Sterne-Hotel The Norman auch ein Gym samt Yoga, Valet Parking und Concierge-Service.
Von COVER 2016 getestet
www.thenorman.com
www.goisrael.de