Mit dem stärksten Tesla von Wien nach Venedig. Eine Reise in die Zukunft des Automobils mit vielen Enttäuschungen – aber die bevorstehende Entwicklung leichterer und stärkerer Batterien lässt uns weiter hoffen.

Alles nur Marketing. Verglichen mit Reich­weitean­gaben von Tesla sind Ver­sprechen von Haar­wuchsmitteln seriös. Wem soll frau da noch trauen? Alle reden von VW und dem Dieselskandal, doch wer prüft die Seriosität bei den Angaben für Elek­tro­autos? Wir haben uns vom E-Pionier Tesla das stärkste Modell geborgt und sind damit nach Venedig gefahren – ein Praxistest mit einigen unangenehmen Überraschungen.

9Die Voraussetzung

Bevor sich nun wieder jemand beschwert und sagt, man könne den Tesla doch nicht mit einem „normalen“ Auto vergleichen, sage ich: Doch – womit denn sonst? Wir haben uns nicht die Mühe gemacht, eine Gebrauchsanlei­tung zu lesen, das tun wir bei Autotests nie. Ein Auto muss einfach fahrbar sein. Wenn ich mir einen Mietwagen ausborge, lese ich auch nicht zwei Stunden lang die Betriebsanleitung durch. Ein­stei­gen und losfahren – so soll es sein.

8Der Vergleich

Um es dem Tesla nicht allzu schwer zu ma­chen, haben wir beschlossen, diesen mit einem elf Jahre alten Jaguar XJ Diesel zu vergleichen. Einem Jaguar, der noch so aussieht wie einer – nicht eine dieser neuen Ford Mondeo ähnlichen Schüsseln. Warum gerade dieses Auto? a) weil es mir gehört und b) weil ich damit zwei Monate vor dem Tesla-Test in Venedig war. Preis des Tesla: 162.000 Euro, neu. Preis des Jaguar: 17.500 Euro, gebraucht.

7Der Tesla

Der stärkste Tesla, Model S P100D hat laut Tesla-Homepage eine Reichweite von 613 Kilometern und sieht nicht einmal be­son­ders spektakulär aus – er könnte so­gar als Opel oder Mazda durchgehen. Innen wirkt er zwar eleganter, aber nur auf den ersten Blick. Wer genau hinschaut merkt, dass alles auf Ge­wichts­reduktion ausgelegt ist. Be­fremdend und hässlich zugleich ist der riesige Bildschirm, ein Me­ga-iPad im Hoch­for­mat. Die­­ses allgegenwärtige Bildschirmmonster steht dermaßen im Mit­telpunkt des Gesche­hens, dass es unvorstellbar scheint, dass dies erlaubt wurde. Es grenzt fast an Fahrlässigkeit, den Fahrer des Wagens derart abzulenken.

6Die Route

Reise von Wien nach Venedig, 4 Personen mit Gepäck. 581 km laut Google Maps. Das schafft der vollgetanke Jaguar ohne Tankstopp. Der Tesla wurde über Nacht an den Starkstrom angeschlossen und meldet ans iPhone eine Reich­weite von 602 km. Auch das sollte eigentlich zumindest bis Udine oder Treviso reichen. Es ist ein Freitagmorgen, 6:00 Uhr, trocken und es hat 14 Grad Celsius. Monika, Steffi, Walter und ich laden das Gepäck ein und legen los. Wenig Verkehr, viel Platz. Sobald wir an der Shopping City Süd vorbei sind, erfolgt der erste Beschleunigungstest – Houston, wir haben KEIN Problem – das Ding zischt tatsächlich ab wie der Ferrari von Sebastian Vettel. In diesem Punkt hat Tesla nicht übertrieben und bringt damit eine ganze Gene­ration kleiner Männer mit schnellen Autos richtig ins Schwit­zen. Eben noch ein Vermögen in das teuerste Bügel­eisen investiert, schon kommt die lautlose Erniedrigung und fliegt auf der Au­tobahn an Dir vorbei. Wenn wenigstens Ferrari oder Porsche drauf stehen würde – denkste: ausgerechnet ein Ami, in Europa hauptsächlich von Extremindividualisten gefahren, zeigt uns, wo der Hammer hängt. Aber nur in diesem einen Punkt, liebe europäischen Autofahrerinnen.

5Auf der Autobahn

Nichts ist langweiliger als 130 zu fahren – aber wir halten uns daran – das haben wir mit dem Jaguar ja auch gemacht. Also plaudert man übers neue Auto. „Es ist kalt hier drin“, meint Mo­nika. Die Temperaturanzeige meldet 24 Grad – eine Temperatur, bei der ich normalerweise mit Badehose fahre. Vielleicht nutzt Tesla den Placebo-Effekt und zeigt mehr an als ge­heizt wird – vermutlich um Energie zu sparen. Bei vielen Details merkt man, dass Tesla im Vergleich zu 100 Jahre alten Autob­auern wenig Erfahrung mit Ergonometrie hat. Lehnt der Fah­rer beispielsweise zur Entspan­nung das lin­ke Knie gegen die Tür, öffnet sich das Fens­ter des Beifahrers, weil die Tasten zur Bedie­nung der Fensterheber idiotisch platziert wurden. Die gnadenlose Gewichtseinsparung geht auf Kosten extremer Windgeräusche. Ab 120 km/h ist der Tesla deutlich lauter als der Jaguar – vor allem die Abrollgeräusche der Rei­fen nerven, was einen entspannten Musikge­nuss nicht möglich macht. Es wurde offensichtlich auch bei der Dämmung der Radkästen gespart. Da nützt es wenig, wenn der Tesla über die eingebaute SIM-Card Zugang zu Spotify, Youtube und Google bietet. Während wir also gemütlich dahingleiten empfiehlt uns der große Bildschirm unübersehbar, dass wir bei Graz tunlichst einen Zwi­schenstopp einlegen mögen um Strom zu tanken. Nach 191 Kilo­metern Fahrt – ohne Wohn­wa­gen am Anhänger.

4Der erste Stopp

Wie war das also gemeint mit den 602 km Reichweite bei der Abfahrt? Gilt das nur bergab? Oder hat der Bordcomputer da­mit gerechnet, dass wir Auto im Reisezug bu­chen? Wir können es kaum fassen – noch dazu können wir nicht einfach an einer Raststätte Strom aufladen, wo es Restaurant, Zeit­schriften und einen Shop gibt. Nein – mit dem Tesla musst Du run­ter von der Autobahn und zu einem Tesla Service Center, wo die Super Charger stehen, die das Volltanken in 45 Minuten ermöglichen. Den Jaguar mussten wir in Graz nicht Tan­ken – Zeit ist Geld! Also saßen wir 40 Minuten beim Grazer Tes­la Store in einem Raum mit anderen Tesla-Fahrern, die sich alle höchst erfreut zeigten, einen Tesla zu besitzen. Ich würde mir auch doof vorkommen, 162.000 Euro für ein Auto zu zahlen um dann in einem muffigen Zimmer am Stadtrand 45 Minuten bei Nespresso darauf zu warten, bis der Wagen aufgeladen ist.

3Der zweite Stopp

Wieder auf der Autobahn, konnten wir uns abermals im 24 Grad „kalten“ Innenraum des Tesla darüber freuen, dass wir bis Venedig durchfahren – Kaffeepause nach der Grenze, weil der Kaffee in Italien der beste der Welt ist. Wir nähern uns allmählich Villach und der Bordcomputer empfiehlt uns nach 173 (!) gefahrenen Kilometern, die dortige Tesla-Supercharger-Station aufzusuchen, weil ja das Tanken nix kostet – außer Zeit. Haben wir etwa in den 40 Minuten in Graz zu wenig Strom getankt? Tatsächlich laden die Super­charger langsamer, wenn ein zweites Auto an derselben Säule hängt. Vis-à-vis des Park­platzes mit den Ladestationen gibt es zumindest eine Art „Hard Rock Cafe“ mit tättowierten Kellner­innen und einem Speisean­gebot aus der Zeit der Kreuzzüge. Diesmal wollten wir auf Nummer sicher gehen und haben getankt bis der Speicher voll war. Das soll man laut Tesla aber nicht ma­chen – hier stellt sich die Frage, warum die Wunder­wuzzis nicht eine Sperre eingebaut haben, da­mit man die Batterien nicht überlädt. 45 Minu­ten und einige Portionen Pommes später die Weiterfahrt. Reich­weite laut Display: 602 km – Tesla hat also auch Sinn für Humor. Alles deutet darauf hin, dass wir nun Vene­dig ohne Zwischenfall erreichen, schließlichsind es von Villach nach Venedig (Piazzale Ro­ma) laut Google nur 251 km, also ein Drittel der angeblich zur Verfügung stehenden Reich­weite; außerdem geht es ja bergab nach Süden.

2Der dritte Stopp

Wenige Kilometer vor Venedig liegt die klei­­ne Stadt Treviso und etwas außerhalb dieser Stadt – im Ort Mogliano Veneto, hat man ein Hilton Double Tree-Hotel gebaut. Und hierher hat uns der Tesla geführt, denn bis nach Ve­nedig sollten wir lieber nicht fahren – das Sys­tem traut seinen eigenen Reichweite­an­ga­ben nicht. Dies war also unser dritter Stopp, mitten im Nirgendwo. 30 Minuten Ladezeit.

1Venedig

Endlich bei der Fähre angekommen – nach 8 Stunden und 30 Minuten Fahrtzeit inkl. Tan­ken (die umständliche Anfahrt zu den La­de­­sta­tionen miteingerechnet). Mit dem Jaguar dauert eine Fahrt von Wien nach Venedig und unter Beachtung aller Geschwindigkeits­be­schrän­kungen 6 Stunden und 30 Minuten – um zwei Stun­den weniger als mit der Zukunft. Wer mit dem Auto nach Venedig fährt, parkt in einer der Garagen bei der Piazzale Roma oder nimmt die Fähre zum Lido, wo es Autos, Parkplätze und eine Tankstelle mit Stark­­strom gibt, an der wir uns erhofften, den Tesla aufladen zu können, damit wir uns bei der Rück­fahrt das Aufladen in Treviso sparen. Aber leider ist das Ladekabel nicht mit der Steckdose an der Tankstelle kompatibel …

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